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Historische Berichte zum Schachspiel in Ströbeck

 

Ein Beitrag von Elke Rehder zur Geschichte des Schachs.

 

Das Schachspiel und die besonderen Schachregeln in Ströbeck

Seit 1991 lautet der offizielle Name "Schachdorf Ströbeck" und so ist der Ort auch im amtlichen Verzeichnis der Postleitzahlen und in den Landkarten eingetragen. Es ist ein Ortsteil der Stadt Halberstadt im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt. Das Schachdorf Ströbeck liegt 8 Kilometer von Halberstadt entfernt, hat etwas weniger als 1200 Einwohner, ein sehenswertes Schachmuseum und einen aktiven Schachverein.

Historisch interessant sind die besonderen Schachregeln, die sich in Ströbeck anders als die traditionellen Schachregeln entwickelt hatten. Noch bis ca. 1920 wurde im Schachdorf Ströbeck nach eigenen Schachregeln gespielt. Schon die Grundstellung war anders. Drei Bauern und die Dame waren jeweils zwei Felder vorgezogen. Die Figur des Bauern durfte aus der Grundstellung heraus nur ein Feld vorgezogen werden. Eine Besonderheit waren die sogenannten Freudensprünge. Ein auf die gegnerische Grundreihe gelangter Bauer musste, bevor er in eine andere Figur umgewandelt werden konnte, zunächst erst einmal in drei Freudensprüngen auf sein Ausgangsfeld zurückkehren. Die Ströbecker Regeln kannten auch keine Rochade.

Schach-Turm im Schachdorf Ströbeck
Der berühmte Schachturm in Ströbeck



1011 soll ein adliger Gefangener des Halberstädter Bischofs (angeblich Gunzelin von Kuckenburg) seinen Bewachern das Schachspielen beigebracht haben.

1515 wurde zum ersten Mal das Schachspiel in Ströbeck schriftlich erwähnt.

1616 wurden die drei Arten des Schachspiels im damaligen Ströbeck im ersten deutschsprachigen Schachbuch Das Schach-Spiel oder König-Spiel von Gustavus Selenus (d. i. Herzog August von Braunschweig-Wolfenbüttel) ausführlich beschrieben. Zahlreiche Schachhistoriker beschäftigen sich seitdem mit den eigenartigen Varianten, wie beispielsweise, dass ein Bauer, der die achte Reihe erreicht hat, erst drei Freudensprünge rückwärts machen muss, um sich in eine Dame verwandeln zu können.

1689 - seit diesem Jahr sind öffentliche Aufführungen von Schachpartien in Ströbeck belegt, bei denen die Schachfiguren durch verkleidete Menschen dargestellt werden (sogenanntes Lebendschach). Diese Tradition hat sich bis heute erhalten.

 

Der Suchbegriff "Schach" wurde zur schnelleren Orientierung in den nachfolgenden historischen Beiträgen hervorgehoben.


1840 schrieb Wilhelm Schönichen (Pastor in Bernburg an der Saale und Güntersberge im Harz) in "Thüringen und der Harz" Band 2: Schloss und Stadt Blankenburg am Harze:

Um zugleich ein skizziertes Bild vom schönen Idyllenleben am Hofe des Herzogs Ludwig Rudolph zu liefern, so möge noch einiges aus dem Jugendleben des letzten Hofdiakonus Valentin Söllig hier einen Platz finden. Die glanzvollste Zeit im Jahre am Hofe dieses Fürsten war die Karnevalszeit, zu welcher sich auch immer viele Fremde besonders Offiziere aus Braunschweig, Wolfenbüttel, Hannover, Halberstadt, Quedlinburg, Magdeburg und Anhalt hier aufhielten. Die Vergnügungen bestanden in Vogelschießen, Scheibenschießen, Assembleen, Komödien, Jagden mit Fuchs- und Hasenprellen, selbst Wasserjagden, an den Ruhetagen wurden Feuerwerke auf dem Thie und Schnappelnberge abgebrannt, und den Beschluss machte mehrenteils eine sogenannte adlige Bauernhochzeit.

Ein Kavalier oder Offizier und ein Fräulein stellten das Brautpaar vor. Der Herzog und seine Gemahlin waren Hochzeitsvater und Mutter, und so wie sämtliche Hochzeitsgäste in Bauernkleidung waren, so wurde alles nach Bauernmanier auch eingerichtet. Man fuhr mit Musik auf Bauernwagen in der Stadt umher, wobei auch geschossen wurde. Man aß von hölzernen Schüsseln und Tellern, wie es damals auf Dörfern noch üblich war nur mit dem Unterschiede, dass diese Gerätschaften höchst sauber gefertigt waren. Bei Tische wurde gescherzt, gesungen, gelärmt, alles plattdeutsch gesprochen, aus großen Passgläsern getrunken, in welche aus verpichten hölzernen Kannen der Wein eingeschenkt wurde. Hierauf wurde getanzt und so der Tag unter der herzlichsten Freude beschlossen.

Außer dieser fingierten Hochzeit wurden aber an dem nämlichen Tage einige Trauungen von Bauern wirklich vollzogen. Sechs bis sieben Hochzeitspaare aus den benachbarten Dörfern kamen nämlich nacheinander auf ihren Erntewagen mit voller Musik auf den Schlossplatz gefahren. Jedes Paar wurde von seinen eigenen Dorfmusikanten mit Blasinstrumenten nach der Schlosskirche begleitet. Daselbst wurde wirklicher Gottesdienst gehalten, die fürstliche Kapelle erhöhte die Feier, und nach gehaltener Traurede wurden von dem Hofprediger sämtliche Brautpaare nun copulirt. Diese fuhren dann mit allen ihren Gästen nach dem sogenannten Judenhofe (der neuen Faktorei) wo Redoute gehalten wurde, und der Herzog ließ sie daselbst aufs herrlichste bewirten und beschenken.

Die Schilderung dieser Hochzeiten gelangt auch nach Ströbeck, dem durch sein Schachspiel berühmten Flecken unfern Halberstadt. Hier ist nun die alte Sitte, wenn eine Hochzeit statt findet, so begeben sich sämtliche Hochzeitsgäste auf die Ratsstube, woselbst ein Schachspiel nebst den Gerechtsamen und Dokumenten der Ströbeckschen Bauern befindlich ist, und der Bräutigam ist dem Herkommen gemäß genötigt, um die Braut zu spielen. Die Gäste suchen den geschicktesten Spieler unter sich aus, und machen alle Partie gegen den Bräutigam. Sie dürfen indessen zum Spiele nichts sagen, außer wenn sie vermuten, dass auf ihrer Seite ein misslicher Zug geschehen könnte, so warnen sie nur ganz unbestimmt ihren Spieler: Vadder mit Rahd ... Gevatter mit Rat! (oder Bedacht!). Gewinnt der Bräutigam das Spiel, so ist die Braut ohne weitere Umstände sein, wo nicht, so muss er sie von den Hochzeitsgästen durch ein gewisses Äquivalent erst lösen. So war es ehedem.

Da nun die Ströbeckschen Bauern hören, dass in Blankenburg ähnliche Hochzeiten nachgeahmt würden, so halten sie es für keinen unzeitigen Einfall, wenn sie eine Deputation abschicken, um dem Hofe vorzustellen, dass das Ströbecksche Hochzeitsrecht wegen des Schachspiels nicht außer Acht gelassen werden möchte. Zwei Bauern, unter welchen des genannten Sölligs Vater, der damals für den besten Schachspieler und den beredtesten unter ihnen gehalten wurde, machen sich also auf den Weg, nehmen von der Herrenstube auf dem Rathause das große schön gearbeitete Schachspiel nebst den dabei befindlichen Dokumenten oder vielmehr des Herzogs August unter dem Namen "Gustavi Seleni" herausgegebene Anweisung zum Schachspiel mit sich, und lassen ihre Ankunft dem Herzoge unter folgendem Vortrage melden: "Sie hätten gehört, wie der Herzog in Blankenburg adelige Bauernhochzeiten anstellte, man möge also auch die bei ihnen übliche Bauernmode mitmachen. Bei ihnen sei es Brauch, dass der Bräutigam die Braut sich erst im Schach erspielen müsse, sonst dürfe er nicht ein Lager mit ihr teilen." Der Antrag wird sehr gnädig aufgenommen. Der Herzog nebst Gemahlin lassen sie vor sich kommen, reden mit ihnen höchst herablassend, erkundigen sich nach ihren häuslichen Umständen, es wird ihnen alles Sehenswerte gezeigt, sie müssen bei allen Feierlichkeiten zugegen sein und lassen es sich so sehr bei Hofe gefallen, dass ihre Anwesenheit wohl vierzehn Tage gedauert hat. Der Herzog fragt Sölligen, ob er Söhne habe? – Ja! Ob sie auch Schach spielten? – Ja! – Ob er ihm wohl einen davon überlassen wollte? Er erwidert, wenn derselbe dem Herzoge nicht missfiele, so wäre er dazu bereit. Söllig nimmt also nach einigen Tagen seinen muntern achtjährigen Knaben Johann Valentin, den dritten von vier Söhnen und den Gegenstand unserer Erzählung, mit sich auf das Pferd und reitet nach Blankenburg. Weil aber der Herzog von einer kleinen Unpässlichkeit befallen gewesen, so kann er nicht zur Audienz gelangen, und reitet also unverrichteter Sache wieder zurück. Einige Tage danach, als der Herzog genesen, bekommt Söllig einen expressen Boten mit der Nachricht, er solle sogleich seinen Sohn überbringen. Er macht sich daher ungesäumt zum zweiten Male auf den Weg und überbringt ihn. Die unbefangene Munterkeit des Knaben gefällt beiden fürstlichen Personen so sehr, dass sie dem Vater das Anerbieten tun, wenn er ihnen seinen Sohn überlassen wolle, so würde der Herzog für sein Glück sorgen und ihn entweder studieren oder alles, wozu er sonst Lust bezeugen würde, erlernen lassen. Söllig bedenkt sich ein wenig, ob es wohl nicht gegen die väterliche Liebe sei, ein Kind von sich weg zu geben, entschließt sich doch aber endlich mit den Worten dazu: Der Herzog möchte den Sohn nur hinnehmen, wenn er ihm nicht mehr gefiele, so möge er ihn wieder heimschicken, er habe selbst Brot für ihn. Der Glanz des Hofes und die Liebkosungen der Herrschaft und aller Hofbedienten, welche ihn nur den kleinen Schachspieler nennen, machen den Knaben so freudetrunken, dass er an nichts weniger denkt, als je wieder nach Ströbeck zurück zu kehren. Er wird übrigens sogleich städtisch gekleidet, frisiert; jedermann reißt sich um ihn wegen des Schachspiels; es wird ihm ein Informator gehalten, und der damalige Bibliothekar und nachherige Reichshofrat Knörr bekommt die Oberaufsicht über ihn, welcher bei Gelegenheit ihn auch selbst unterrichtet hat. Sein Beruf ist, jeden Abend um 6 Uhr in der Assemblee zu sein, wenn etwa der Herzog oder dessen Gemahlin Schach zu spielen beliebten. Wenn nun jemand von ihnen mit dem kleinen Schachspieler gespielt hatte, so wird er gewöhnlich nach beendigtem Spiele mit einigen Talern beschenkt. Auf Befragen des Herzogs, was er werden wollte, erwiderte er: ein Prediger. Der Herzog versichert, dass er gern die Kosten dazu hergeben wolle, er solle nur fleißig lernen, so könne er dereinst Superintendent werden. Da er nun den Wünschen des Herzogs entsprach und sich dessen Liebe bewahrte, so begleitete er ihn auch auf seinen Reisen von Blankenburg nach Braunschweig etc. Seine Schuljahre legte er in Blankenburg zurück und studierte nachher in Helmstedt vier Jahre Theologie unter dem Abt Mosheim, dem er besonders anbefohlen wurde. Als er im Begriff stand, die Universität zu verlassen, starb Ludwig Rudolph, aber die verwitwete Herzogin nahm ihn darauf wieder nach Blankenburg zu ihrem Pagenhofmeister, und im Jahr 1739 zum Hofdiakonus, bis er nach dem Tod derselben, 1749 Prediger in Hasselfelde wurde.

Er hat sich zweimal verheiratet. Seine erste Frau, vorher Kammerfrau der Herzogin, war eine geborene Moll und Predigerstochter aus Münchsrode in Schwaben, deren Familie späterhin geadelt und jetzt in Österreich sehr hoch gestellt ist; die zweite eine geborene Koch, eine Predigerstochter aus Thale und verwandt mit dem berühmten Leukfeld und Ernesti. Aus beiden Ehen zeugte er 13 Kinder, von denen jetzt noch zwei, Enkel, Urenkel und Ururenkel aber sehr viele am Leben sind.

Er hat zwar unter den Gelehrten keinen Namen erhalten, erwarb sich jedoch außer seinen Amtswissenschaften sehr gründliche Kenntnisse in der lateinischen und, was damals selten war, in der griechischen Sprache. Letztere gab, als er noch Pagenhofmeister war, zu folgendem Vorfalle Gelegenheit:

Es kamen nämlich einst zwei angesehene Griechen, ein Abt und ein Pater von der Insel Kios, welche schon an mehreren Höfen zur Erbauung eines Klosters Geld eingesammelt hatten, auf Empfehlung des verwandten kaiserlichen Hofes in Wien, nach Blankenburg. Einer von diesen Griechen konnte außer seiner Muttersprache nur etwas Französisch reden. Die Herzogin, vielleicht in der Meinung, dass ein Studierter jede Sprache bis zur Fertigkeit im Reden lerne, fordert die Griechen auf, ihren Pagenhofmeister anzureden, welcher allezeit bei der Tafel anwesend und die Pagen beobachten musste. Dies geschieht. Söllig hilft sich so gut als er kann, und bittet nur die Griechen im attischen Dialekte mit ihm zu reden. Das Erste ist, dass sie ihm seinen Aetacismus abzugewöhnen suchen, und machen sich so einander notdürftig verständlich. Die Griechen halten sich 14 Tage in Blankenburg auf, werden täglich nach Hofe geholt, des Abends bleiben sie aber in ihrer Wohnung, bitten Söllig zu sich, der sich auf diese Besuche mit größter Sorgfalt vorbereitet, und nun ihr täglicher Gesellschafter, bester Freund und Dolmetscher wird.

Sie haben eine so herzliche Freude über den Vorfall, dass sie die Herzogin versichern, auf ihren Reisen durch mehrere Länder außer dem Erzbischof von Canterbury niemand gefunden zu haben, mit dem sie in ihrer Muttersprache hätten reden können. Sie machen ihm verschiedene Male den Antrag, ihn mit Bewilligung der Herzogin auf sieben Jahre als Dolmetscher an deutschen Höfen und dann weiter auch nach Frankreich, Spanien, Portugal etc. mitzunehmen. Allein mancherlei Bedenklichkeiten bewogen ihn, diesen Antrag auszuschlagen, zumal da die Herzogin nicht dazu hat raten wollen. Als Hofdiakonus hat er auch das eben so seltene als merkwürdige Geschäfte gehabt, eine gefangene Türkin Abbas Kaechianen Kaefe Rhebisch, später die Gattin des Pastors L. M. Grimm zu Heimburg, welche die Herzogin als Kammerfrau zu sich genommen hatte, im Christentume zu unterrichten und nach öffentlicher Konfirmation zum heiligen Abendmahle der lutherischen Kirche hinzuzulassen.

Solche Aufmunterungen, als damals die Ströbeckschen Bauern hatten, mussten ihnen freilich wohl den Wert ihres Schachspieles sehr schätzbar machen. Sölligs Vater wurde schon oft zu dem damaligen alten Grafen von Wernigerode geholt, um mit ihm Schach zu spielen, auch in gleicher Absicht zu verschiedenen Eheleuten und anderen vornehmen Personen in der Nachbarschaft. Auch wenn Fremde kamen, um das Schachspiel zu sehen oder zu spielen, wurde Söllig gerufen, und sein kleiner Sohn begleitete ihn allzeit und spielte auch oft statt seiner.

Daher kann man sich erklären, wie er es wagen konnte, sich dem Blankenburgischen Hofe mit jener Dreistigkeit vorzustellen. Damals wurde das Schachspiel von allen Bauern jungen und alten auch sogar in den Wirtshäusern gespielt, die auch das Schachbrett im Schilde führen. Es ist danach einmal etwas ins Abnehmen gekommen; allein neuerdings ist der Sinn und die Liebe dazu auf den Wunsch Sr. Majestät des edeln Königs Friedrich Wilhelm und durch Aufmunterung des dasigen Herrn Landrats wieder sehr geweckt worden, besonders dadurch, dass man am Tage des jährlichen Schulexamens Schachspiele als Prämien für die bestspielenden Schulkinder ausgesetzt hat. Es wird daher jetzt wieder in jedem Hause ein Schachspiel angetroffen, und der dasige Prediger führt eine Chronik über des Schachspiel und seine besten Spieler in Ströbeck.

Der Sage nach soll das Spiel unter dem Bischof Burkhard oder Bucko I. von Halberstadt 1040 - 45, der an den Feldzügen Kaiser Heinrichs III. gegen die Wenden teilnahm, durch einen gefangenen Wendenfürsten, der in Ströbeck in einem Turme festgehalten wurde, dorthin gekommen sein. Der Turm wird noch gezeigt, und um die Einsamkeit seiner Haft sich zu mildern, habe er seinen Wächtern das Schachspiel gelehrt.

Die Ströbeckschen Bauern spielen das Schachspiel deshalb nach ihren eigenen Regeln und mit einer Einfachheit und Würde, die weit erhaben ist. Sie setzen die Ehre des Spieles nicht darin, ihren Gegner schachmatt zu schlagen, sondern ihn schachmatt zu ziehen. Denn das Schachspiel hört auf, ein Verstandesspiel zu sein und wird bloßes Glücksspiel, sobald man es nur darauf absieht, sich einander die Steine vom Brette zu schlagen. Das sogenannte Kapern, wo man, um dem Gegner drei Steine zu nehmen, zwei von seinen eigenen aufopfert, ist in Ströbeck daher ganz außer allen Gebrauch. Kenner wissen, wie unangenehm es ist, wenn man nicht mehr mit der vollen Kraft aller Steine spielen kann. Hat man aber einen mutwilligen Gegner, der selbst keinen gehörigen Plan entwirft und es auf alle Weise zu verhindern sucht, dass auch der Gegner keinen entwerfen soll, sondern bei der geringsten Ahnung, dass man ihm, ich will nicht sagen, nach dem dritten oder vierten Zuge, sondern nach zwanzig Zügen gefährlich werden könne, Stein um Stein schlägt, der raubt dem Spiele seine Seele. So spielt man in Ströbeck nicht, sondern schont die Steine so viel als möglich auf beiden Seiten, und verliert lieber für diesmal ein Spiel, als es auf eine weniger großmütige Art zu gewinnen, oder wie das gewöhnlich der Fall ist, wenn man das Brett zu sehr von Steinen entblößt, den Sieg von beiden Teilen unentschieden zu lassen. Es mag daher wohl eben nicht so schwer sein, durch manche der Natur des Spieles zuwider laufende Ränke einem Ströbeckschen Bauer, der bei der Regel bleibt, ein Spiel abzugewinnen, aber schwerlich wird man ihn dahin bringen, in seinem Überwinder auch zugleich seinen Meister zu erkennen.

- Ende des Beitrages von Wilhelm Schönichen -

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1848 im Dezember schrieb der Theologe und Schriftsteller Otto Friedrich Wehrhan den Beitrag Neueste Nachrichten aus Ströbeck. Otto Friedrich Wehrhan, geboren am 05.03.1795 in Liegnitz Neisse, verstorben am 02.08.1860 in Coswig, lebte von 1824 bis 1835 in Kunitz, 1841 in Hamburg und kaufte 1842 den Zimmerhof in Coswig. Sein Beitrag über das Schachdorf Ströbeck erschien in der Leipziger "Illustrirte Zeitung Nr. 283" am 2. Dezember 1848 auf Seite 372:

Es war Ende August, eines Sonntags mittags, als ich von Halberstadt aus einen Spaziergang nach dem eine Meile entfernten Ströbeck machte. Ich musste doch, bei solcher Nähe, dies Dorf, das einzige in seiner Art auf dem ganzen Erdboden, wo Schachspieler in allen Häusern sind und alles Schach spielt, kennen lernen? Ich wollte doch, und dies war mir das Wichtigere, sehen, ob solch eine geistige Unterhaltung, allgemein geworden, einen merklichen Einfluss auf die Sitten des Volkes übe, ob, mit anderen Worten, die Ströbecker Bauern gebildeter, anständiger, veredelter seien, als die Bauern kartenspielender und kegelschiebender Dörfer? Und so schritt ich denn mit wahrer Neugierde den prosaischen Feldweg über die völlig baumlose Ackerflur dahin, an deren Horizonte ich schon gleich hinter Halberstadt die kegelförmige Kirchturmspitze von Ströbeck ragen sah, und erreichte endlich, ungefähr um 1 Uhr das etwas eingesenkt liegende Dorf.

Nun, die Häuser, nach dortiger Landessitte auch an den Wänden oft mit Dachziegeln bekleidet, sahen recht nett und wohlhäbig aus, und die Jünglinge und Weiber, die mir begegneten, grüßten, was alles mich, der Ehre des Schachspiels wegen freute. Bei der Kirche vorbei gelangte ich auf einen freieren, unregelmäßigen Platz, auf welchem der Hauptgasthof, zugleich Rathaus des Ortes, stand; nicht weit von ihm, zur Linken, ein uralter, viereckiger Turm, der wie aus der Ritterzeit in die Neuzeit herüberschaute, und über der Eingangtüre des ersteren fiel mir alsbald das Wappen des Ortes, ein in Stein gearbeitetes, schwarz und weiß gemaltes Schachbrett ins Auge, welches mir im Vergleich mit den Bären, Hirschen, Rossen, Adlern, Löwen etc., die man sonst gewöhnlich als Gasthofschilder sieht, recht originell erschien.

Ich trat ein. Die Gaststube war ungewöhnlich klein für ihre Bestimmung, aber weiß getüncht und rein. An dem größten der drei Tische saß ein Herr im Überrock und ein schon ziemlich bejahrter Mann im blauen Überhemd und mit treuherziger, ansprechender Miene, der – es war der Wirt – sogleich aufstand, seine runde Dachsmütze rückte, mir die Hand bot und mich zum Sitzen einlud. Da war wieder ein Schachbrett, auf der Mitte des Tisches mit Ölfarben gemalt, zu schauen; aber ich tat, als bemerke ich es gar nicht, fragte: was ich zu essen bekommen könne? Und nachdem mir geantwortet worden, dass das eigentliche Mittagsmahl hier schon vorbei sei, dass mir aber ein Eiergericht mit kaltem Schinken zu Diensten stehe, unterhielt ich mich, während das Gericht bereitet wurde, mit dem Wirt und jenem Herrn im Überrocke von ganz anderen Dingen, von Politik, von der Umgegend, vom Feldbau, und tat, in der Erwartung, jene würden vom Schachspiel mit mir zu reden anfangen, in Bezug auf Letzteres immerfort wie Unverstand. Ich wollte nämlich zwar nicht, wie einst Silberschmidt, die dortigen Bauern zum hohen Spiel um Geld mit mir verleiten – dazu hatte ich auch lange nicht genug Vertrauen zu mir –, aber ich wollte nicht, dadurch, dass ich die Sache auf die Tafel brachte, den Schein eines großen Schachspielers, der etwa hergekommen sei, um sich mit den Ströbeckern zu messen, auf mich laden. Da aber auch, nachdem ich mein Mahl beendigt, jene Beiden nicht den gewünschten Gegenstand berührten, so konnte ich mich endlich nicht enthalten, auf das Schachbrett des Tisches zeigend, zu fragen: "Dies Spiel wird wohl hier gespielt?" – "Das versteht sich", erwiderte der Herr im Überrock, "hier spielt alles Schach, dafür ist Ströbeck berühmt; spielen Sie vielleicht auch?" – "Ich liebe das Spiel, aber gegen solche Virtuosen, wie hier, möchte ich wohl den Kürzeren ziehen." – "Nun, wenn Ihnen eine Partie gefällig ist, so wollen wir eine machen." – Hierauf wurde denn sogleich ein anderes, mobiles Schachbrett hereingebracht, auf dessen Rande ich mit Verwunderung in zierlich gemalten Zügen las: "Dorothea Wiedebein, zur Belohnung des Fleißes, 1833." – "Also auch die Mädchen spielen hier?" – "Jawoll, und zwar von der Schule an. Alle Jahre beim Schulexamen werden sie auch im Schachspiel geprüft; aber das Spiel wird ihnen nicht in der Schule, sondern zu Hause von den Eltern gelehrt."

Jetzt wurden von uns die hölzernen Figuren aufgestellt. Aber da zeigte sich schon eine bedeutende Verschiedenheit zwischen unserem Spiel und dem Ströbecker Spiele. Der Doktor des Dorfes – denn dieser war der Herr im Überrock – sagte mir nämlich, dass man hier die Bauern der Türme der Königinnen und die Königinnen selbst zwei Schritte vorwärts aufstelle und dass das die echte ursprüngliche Aufstellung des Schachspieles sei, auch dass der Bauer nie – ausgenommen bei der Aufstellung – zwei Schritte auf einmal tun dürfe, dass Rochieren nie stattfinde, und dass der Bauer, welcher in die Königslinie des Gegners dringt, nicht eher in die Rechte einer Königin oder eines beliebigen Offiziers eintrete und also auch nicht eher dem feindlichen König Schach bieten dürfe, als bis er die sogenannten drei Freudensprünge getan, d. h. in drei zurückgehenden Sprüngen seine erste Stelle wieder eingenommen habe. Indes, fügte er hinzu, wolle er recht gern nach meiner Art zu spielen sich richten, sowohl bei der Aufstellung als beim Ziehen, was ich – da ich einst gehört oder gelesen hatte, dass die Ströbecker bei ihrer Art sich aufzustellen, wenn sie den Anzug haben und richtig fortfahren, gewinnen müssten, auch dankbar annahm.

Der Kampf begann; von meiner Seite, fast mit der gewissen Voraussicht, geschlagen zu werden, aber doch mit der äußersten Vorsicht und Anstrengung, um wenigstens meinem Gegner den Sieg so schwer als möglich zu machen; aber nach und nach, siehe da! – kaum traute ich der Wirklichkeit – ich erhielt einige Vorteile über ihn, ward allmählich reicher an eroberten Figuren als er, immer bedeutender wurde mein Übergewicht, und endlich war es mir gewiss, dass, wenn ich nicht grobe Böcke mache, der Sieg mir werden müsse. Dies erkannte auch der zuschauende Wirt und der unterdes herzugekommene erwachsene Sohn desselben, und bald ertönte von meiner Seite das "Schach und Matt!"

Indes, der Sieg war durch mehre Umstände in seinem Werte verringert. Erstens hatte sich der Doktor nach meiner, ihm nicht so gewohnten Spielart gerichtet, und zweitens war er, wie mir nun der Wirt erzählte, kein geborener Ströbecker, sondern erst seit, ich glaube, sechs Jahren dort und hatte das Spiel erst in Ströbeck gelernt. Die besten Spieler des Ortes sollten sein ein Bauer Valentin Guerike und ein Zimmermann Krafft, ein schon siebenzigjähriger Mann, aber noch voll Geist und Leben, der nie Tabak rauche, nie Schnaps trinke und noch so rüstig sei, dass er ohne Mühe mehre Meilen des Tages zu Fuße geht. Aber keiner von beiden war da, und ob sie noch kommen würden, war ungewiss.

Bei so bewandten Umständen und da auch der Doktor zu einem Kranken musste, von wo er erst um drei Uhr wieder zurückzukommen gedachte, benutzte ich diese Muße, um einen Vorsatz auszuführen, den ich schon in Halberstadt gefasst, nämlich zum Pastor zu gehen und mir von diesem, der gewiss die besten Quellen dazu besitzt, das Geschichtliche der Einführung des Schachspiels in Ströbeck mitteilen zu lassen. Und meine Hoffnung ward über Erwarten erfüllt, indem ich nicht nur mündlich das Wesentliche erfuhr, sondern auch eine Broschüre: Kurzgefasste historische Nachrichten von Ströbeck; gesammelt und mitgeteilt von Carl Elis; Halberstadt 1843, bei C. H. F. Dölle" zum Geschenk erhielt. Aus dieser erfuhr ich unter anderem, dass Ströbeck in uralter Zeit Ostar-Beck, d. h. Oster-Bach – von dem dicht dabei liegenden Osterberge, in welchem heute noch Urnenscherben und Fragmente von Opfermessern gefunden werden, und dem die Göttin Ostera geweihtem Bache, welcher an seinem Fuße fließt – dann Ostrebeck geheißen habe, woraus endlich, durch Weglassung des O, Strebeck geworden sei, dass ferner schriftlich der Ort zuerst in einer Urkunde vom 1. August 1004 vorkomme, und dass die bekannte Familie v. Strombeck, früher v. Ströbeck genannt, und lange im Besitz des Dorfes, von diesem Gute ihren Namen führe. Was aber das Geschichtliche des hiesigen Schachspiels betrifft, so will ich, was das Büchlein davon erzählt, hier wörtlich wiedergeben.

"Der Bischof Arnulph bekam 1011 vom Kaiser Heinrich II. einen vornehmen Staats- und Kriegsgefangenen, den Grafen Guncellin, überwiesen, damit er ihn, ohne dass es jemand erfahre, in dem alten Turme, der noch jetzt im Dorfe steht, so lange gefangen halte, bis der Bischof weitere Befehle darüber erhalten werde. Es mussten nun immer die Bauern abwechselnd bei ihm Wache halten und da diese sehr glimpflich mit dem Grafen umgingen, so unterhielt er sich sehr freundlich mit ihnen, schnitzte aus Langeweile Schachfiguren, fertigte ein Brett an und ward, um sich selbst besser die Zeit vertreiben zu können, nun der Lehrer im Schachspiele, worin er Meister war. Mit großer Lust und mit Eifer ergriffen nun die Bauern diese Gelegenheit, ein so schönes Spiel zu lernen und bald kannte man im Dorfe kein anderes Spiel mehr. Als er dann nach längerer Zeit wieder in Freiheit gesetzt wurde, beschenkte er die Bauern mit seinem Schachspiel, und auf diese Weise sind bis auf den heutigen Tag die Männer von Ströbeck immer noch Meister im Schachspiele."

"Eine andere Tradition ist diese: Als Bischof Burchard II. auf seinem Heerzuge gegen die Wenden 1068 einen vornehmen Wenden gefangen nahm, ließ er ihn in den Ströbecker Turm sperren und machte die Wenden damit bekannt, ihn so lange gefangen zu halten, bis sie die Friedensbedingungen erfüllten und ein ansehnliches Lösegeld schickten. Dieser vornehme Wende lehrte die Ströbecker das Schachspiel und verkürzte sich dadurch die unangenehme Zeit seiner Gefangenschaft."

Man sieht, dass beide Traditionen eine und dieselbe Geschichte erzählen, selbst in den Jahreszahlen sind sie nicht weit auseinander, und wahrscheinlich ist dieser vornehme Wende jener Graf Guncellin gewesen. Durch die Ähnlichkeit dieser beiden von einander unabhängigen Traditionen wird ihre Wahrscheinlichkeit verstärkt. Das Büchlein fährt hierauf also fort:

"Seit dieser Zeit haben die Ströbecker das Recht, jedem neuen Landesherrn, der ihren Ort berührt, auf freiem Felde auf einem Tische eine Partie Schach anbieten zu dürfen, welches sie bisher auch immer getan haben."

"Friedrich Wilhelm der Große, Kurfürst von Brandenburg, fand bei seiner Durchreise Vergnügen daran, die Schachvirtuosen zu prüfen, und dieser humane Fürst fand mehr, als er erwartete, weshalb er dem Dorfe das noch jetzt als Reliquie aufbewahrte, mit Elfenbein ausgelegte Schachbrett verehrte. Auf der einen Seite dieses Schachbretts sind die Felder des Schachspiels, auf der anderen die des Courierspiels. Auf seinen Rändern sieht man Ströbeck in erhabener Arbeit mit der Umschrift: "Dass Sereniss. Churfürstliche Durchlaucht von Brandenburg und Fürst von Halberstadt, Herr Friedrich Wilhelm, dieses Schach- und Courierspiel am 13. Mai 1651 dem Flecken Ströbeck aus sonderl. Gnaden verehret und bei ihrer alten Freiheit zu schützen, zugesaget, solches ist zum ewigen Gedächtnis hier aufgezeichnet.

Paul Langenstraß. B. Valentin Rieche, Richter. Andreas Bartels, Baur. Meist. Hans Ilsen. B. Valent. Langenstraß, Richter. Hans Hartmann, Baur. Meist."*)

Rénovatum Anno 1744.          M. Heinrich Wilke me fecit.

*) Schulze. Dass zwei Bauermeister angeführet sind, kommt daher, weil Ströbeck aus zwei Teilen, dem Süder- und dem Norder-Dorfe besteht.

Die Figuren zu diesem Schachbrette waren der eine Teil Silber, der andere Teil Silber und vergoldet. Durch Verleihen ans Domstift zu Halberstadt sind aber diese Figuren abhanden gekommen und man spielt jetzt mit elfenbeinernen Figuren."

Doch nun wieder zurück zu meiner Erzählung. Um 3 Uhr begab ich mich wieder in den Gasthof, dessen Stube ich unterdessen mit Bauern, alle in blauen Blousen, runden Dachsmützen und hohen, bis über die Knie reichenden Stiefeln, gefüllt hatte, wurde vom Wirte mit sichtbarer Freude begrüßt und unterhielt mich, da der Doktor noch nicht angekommen war, einstweilen mit den Anwesenden über dieses und jenes. Kaum war der Doktor eingetreten, so forderte er mich zur Fortsetzung des Kampfes auf, die Figuren wurden wieder aufgestellt – nach unsrer Art – die Bauern versammelten sich als Zuschauer um den Tisch her und ich begann, jetzt mit zuversichtlicherem Mute als das erste Mal, mein Spiel. Ich siegte abermals, auch eine dritte Partie gewann ich und hätte auch noch eine vierte mit dem Doktor gemacht, wenn mir jetzt nicht ein ältlicher, hochgewachsener Bauer, mit blassem aber geistreichem Gesicht, der sich unterdes an meine Seite gesetzt hatte und mit großer Aufmerksamkeit dem Spiele zusah, als Valentin Guerike genannt worden wäre. Zugleich wurde er aufgefordert, dass er es doch einmal mit mir versuchen möge, und nach einigem Sträuben ging er darauf ein, jedoch nur unter der Bedingung, dass nach Ströbecker Art aufgestellt und gespielt werde. Das war nun freilich ein bedeutendes Gewicht in die Waagschale meines Gegners, indes beobachtete ich die Taktik, ihm, der den Auszug gehabt hatte, die ersten vier bis fünf Züge nachzutun, bis sich nach und nach ein Spiel gebildet hatte, in welchem der originelle Anfang verwischt war und in welchem ich mich nun mehr zu Hause befand. Es war ein schwerer Kampf. Guerike spielte mit großer Feinheit und Vorsicht und entschieden besser als sein Vorgänger, und ein paar Mal geriet ich so in die Klemme, dass ich die Hoffnung des Sieges so gut wie aufgab. Aber es gelang mir durch Tausch der Königinnen Guerike's gefährlichen Plan zu zerstören und mich in eine bessere Stellung zu bringen, und endlich, nachdem ich mit einem tapferen, wohl unterstützen Bauer nur noch einen Schritt von seiner Königslinie stand und er es nicht mehr verhindern konnte, dass ich einrückte und meinen Bauer zur Königin machte, gab er das Spiel verloren. Ich gestehe, es war mir dies lieber, als wenn er bis zum Ende weiter gespielt hätte, denn obwohl der Bauer, so lange er noch in der oberen Reihe steht, nicht geschlagen werden kann, so ist er doch, während er seine Freudensprünge tut, dem Feinde völlig preisgegeben, so dass dieser ihn unterwegs schlagen kann, wo er ihn zu erreichen vermag, und vielleicht hätte ich, bei meiner Unbekanntschaft mit diesem Spiele, die Partie dadurch noch verloren.

So war ich denn immer Sieger geblieben und schied auch als solcher von Ströbeck. Zwar wollte der Doktor – Guerike hatte keine Lust mehr dazu, – dass ich noch wenigstens einen Gang mit ihm mache und redete mir eifrig zum Bleiben zu, aber der Abend nahte und ich war in Halberstadt für acht Uhr zu einem Freunde zum Abendbrot geladen. Ich dankte daher, so gern ich sonst noch länger geblieben wäre, nahm, mit dem Versprechen, bei Gelegenheit wieder zu kommen, Abschied von den lieben Ströbeckern, ließ mir von dem Wirte, der mich nun erst nach meinem Namen und meiner Heimat fragte, nur noch jenes vom Kurfürsten von Brandenburg geschenkte Schachbrett zeigen, welches oben, im Sessionszimmer des Gasthofes – Rathauses – verschlossen aufbewahrt wird, und schritt dann, von meinem Besuche in Ströbeck recht befriedigt, nach dem hochgetürmten Halberstadt zurück.

Was nun den Hauptzweck meines Besuches betrifft, nämlich den Einfluss des Schachspiels auf die Bevölkerung zu beobachten, so kann ich sagen, dass der Eindruck, welchen die Ströbecker auf mich gemacht haben, ein sehr günstiger gewesen ist. Sie sind ein gesetzter, verständig aussehender, biederer Menschenschlag, unter dem ich, wenigstens während der sechs Stunden meines Verweilens unter ihnen, keine Gemeinheit, noch weniger Rohheit bemerkt habe. Zwar sagte mir der Pastor, dass in den letzten Jahren das Kartenspiel anfange das Schachspiel zu verdrängen; indes hat wenigstens in meiner Gegenwart das Interesse für das Schachspiel das für das Kartenspiel überwogen, denn alle Bauern schauten zu, während ich spielte, und die hin und wieder halblaut geäußerten Urteile über die Züge waren meist sehr richtig und umso interessanter, als sie aus dem Munde solcher Blousenmänner kamen, von denen man dergleichen zu hören gar nicht gewohnt ist.

Was jedoch die Virtuosität der Ströbecker im Schachspiele betrifft, so ist es, wie ich auch von mehren Seiten gehört habe und wie meine eigenen Siege beweisen, leider wahr, dass sie in Verfall ist. Nimmermehr können die Ströbecker hierin mit einem Pöschmann in Leipzig, einem Anderssen in Breslau, einem Schmeichel in Hamburg etc. sich messen, diese würden selbst beim Vorgeben von Figuren noch gewinnen, und glaube ich, nie eine Partie gegen sie verlieren. Möchte bald wieder ein Guncellin, wenn auch nicht als Gefangener, ihr Schachspiel heben!

- Ende des Artikels von O. Fr. Wehrhan -



1849 publizierte Max Lange in seiner Magdeburger Schachzeitung ab Seite 84 (mit Fortsetzung auf Seite 106 und Schluss auf Seite 116) einen Beitrag von Moritz Krüger unter der Überschrift: Skizzen aus Ströbeck (Gesammelt von Moritz Krüger):

Obwohl die meisten der geehrten Leser das Nähere in Betreff der wirklich interessanten Begebenheit kennen werden, durch welche das Schachspiel nach dem - eine Meile von Halberstadt entfernten - Dorfe Ströbeck gekommen ist, so dürfte es doch nötig sein, dass wir dieselbe mit wenigen Worten erst noch einmal vorausschicken, bevor wir in die Einzelheiten der jetzigen Ströbecker Schachzustände, deren Erörterung unsere Aufgabe in diesem Aufsatze sein soll, übergehen.

Es war in dem ersten Dezennium des elften Jahrhunderts, als vom Kaiser Heinrich II. dem Bischof Arnulph ein Gefangener - der Graf Guncellin - überwiesen wurde mit dem Befehle, denselben streng bewachen zu lassen. Der Bischof ließ ihn in dem alten Turme, der noch jetzt im Dorfe steht, festsetzen. Natürlicherweise wurde der arme Graf hier von der Langeweile sehr geplagt, und deshalb begann er in seiner Einsamkeit Schachfiguren zu schnitzen, um mit dem von ihm schon immer hochgeschätzten Spiele sich im Gefängnis zu beschäftigen. Er verfertigte sich auch ein Schachbrett und fing dann an, die bei ihm Wache haltenden Bauern im Schachspiel zu unterrichten. Diese, denen die - ihnen bis dahin ganz unbekannte - Beschäftigung sehr wohl gefiel, lehrten das Spiel wieder ihre Frauen und Kinder, und bald spielten alle Einwohner des Dorfes das ihnen immer mehr zusagende, herrliche Schach. - Als nun in späterer Zeit Graf Guncellin wieder aus seiner Haft entlassen ward, schenkte er den Bauern sein Schachspiel, welches sie lange Jahre als eine ihnen besonders werte Reliquie aufbewahrt haben sollen. Seit jener Zeit hat sich in Ströbeck die Kunst, Schach zu spielen, immer von den Eltern auf die Kinder vererbt, so dass noch jetzt - soviel uns bekannt - kein einziger Einwohner im Dorfe ist, der nicht Schach zu spielen verstände.

Es ist eine alte Erfahrung, dass das Schach den Geist ungemein bildet. Goethe sagt am Anfang des 2. Aktes seines herrlichen Götz von Berlichingen: "Es ist wahr, dies Spiel ist ein Probierstein des Gehirns." - Welch treffender Ausspruch! Gewiss können wir täglich hiervon Beispiele finden, und auch das Dorf Ströbeck liefert einen unumstößlichen Beweis dazu. Während in allen umliegenden Ortschaften die Einwohner jeden Sonntag viele Stunden in der Schenke beim Kartenspiel verbringen, ziehen die Ströbecker dieser, gar keinen Einfluss auf die höhere Bildung des Menschen ausübenden, Beschäftigung das geistreiche Schach bei Weitem vor. Vielleicht sind auch eben aus dieser Vorliebe für das edle Spiel die Ströbecker nicht bloß den umliegenden Örtern, sondern sogar den meisten Gauen Deutschlands in einer anderen geistigen Kunst um vieles voraus, ich meine nämlich - in der Tonkunst. Denn gerade durch die weitere Ausbildung ihres Geistes ist ihr Sinn für das Schöne erhöht, und so werden wir keine Ströbecker Familie finden, welche nicht - wenn sie nur einigermaßen wohlhabend ist - aus Liebe zur Musik sich ein Pianoforte angeschafft hätte - gewiss ein herrliches Zeichen vom Streben nach höherer Bildung!

Die hauptsächlichsten und interessantesten Schachkämpfe in Ströbeck werden im sogenannten "Wirtshaus zum Schachspiel" geführt. Hier finden sich täglich die stärkeren Ströbecker Schachspieler zusammen, die dann, während viele Zuschauer dabei stehen, ihre Kräfte in kühnem Wettstreit miteinander messen. Als stärkste Spieler gelten jetzt daselbst der Herr Zimmermeister Kraft und Herr Valentin Guerike – beide wegen ihres bedeutenden Schachtalents in ganz Ströbeck rühmlichst bekannt.

Wir kommen nun auf die besonderen Gebräuche der Ströbecker hinsichtlich des Schach. - Zuvörderst ist hier zu erwähnen, dass schon seit langer Zeit die Durchreisenden daselbst immer zu einer Partie Schach aufgefordert werden, die meistens für sie unglücklich abläuft. Aber auch tüchtige Schachspieler sind zuweilen nach Ströbeck gereist, um dort zu spielen, und Massmann erzählt uns in seiner Geschichte des Schachspiels, dass der starke Schachheld Silberschmidt einst in Ströbeck gespielt und es sich schriftlich habe attestieren lassen, dass er im Kampfe siegreich gewesen sei, was auch gern von den Besiegten geschehen.

Ein anderer Brauch ist nun, dass selbst die Braut, wenn sie sich nach außerhalb verheiratet, an ihrem Hochzeitstage mit dem Gemeindevorsteher in Ströbeck erst noch einmal eine Partie spielt, (währenddessen muss sie immer für die Gäste einiges Geld zum Besten geben, die sich dann mit gefülltem Glase um die Kämpfenden herumstellen und es auch wohl an Äußerungen des Beifalls, oder der Missbilligung bei den einzelnen Zügen nicht fehlen lassen) – wahrscheinlich, damit sie auch in der Ferne das edle Spiel ihrer Heimat stets in gutem Andenken behalten und es auch in ihre neue Behausung mit hinübernehmen möge.

Sogar bei den Schulkindern in Ströbeck spielt das Schach schon eine große Rolle. In jedem Jahre nämlich, zur Osterzeit - nachdem den Kindern vorher aufgegeben ist, sich im Schach zu üben - wird in Ströbeck ein großes Schach-Examen abgehalten, woran sich jedes Mal ungefähr 48 Kinder beteiligen. Da sind denn immer bei Jedem gar große Hoffnungen auf Sieg vorhanden, und auch an Prahlerei mit etwaigem Talente mag es bei den Einzelnen nicht fehlen. Doch darauf achten die Ströbecker nicht, sondern bei ihnen gilt der Wahlspruch: "Beweise durch die Tat, wie weit du vorgeschritten bist!" Zuvörderst wird nun durch das Los bestimmt, welche Paare den Kampf gegeneinander bestehen sollen, und nachdem dieses geschehen, werden so viel Schachbretter zurechtgelegt, wie Paare von Spielenden vorhanden sind, deren Anzahl meist gegen 24 beträgt. Sobald die jugendlichen Kämpfer den ihnen angewiesenen Platz eingenommen haben, beginnt der Kampf. Pläne über Pläne werden geschmiedet, Kombinationen über Kombinationen in Anwendung gebracht, für jedes kleine Versehen, für jeden unüberlegten Zug nimmt der Gegner die gehörige Rache, bis endlich dieser erste Kampf bei allen entschieden ist. Nun treten die 24 Sieger von neuem zusammen und spielen - nachdem das Los die gegenseitigen Gegner bestimmt hat - gegeneinander eine zweite Partie, die natürlich, da sie von schon besseren Spielern, als die ersten waren, geführt wird, auch weit interessanter als jene ausfällt. Sobald nun auch dieser Kampf von allen beendet ist, beginnt die letzte Partie, die auch gewöhnlich am hartnäckigsten von der kampflustigen Jugend gespielt wird. Jeder sucht da noch alle seine Pläne und Finten in Anwendung zu bringen, bis endlich der Kampf durch den für die Besiegten so schrecklichen Ausruf des Gegners: "Schach und Matt!" entschieden ist. Diejenigen sechs, welche nun auch in dieser dritten Schlacht siegreich gewesen sind, werden darauf im Jubel nach Hause begleitet, und deren Türflügel ihnen ehrerbietigst geöffnet; im Hause selbst ist die liebe Mama sogleich eifrigst bemüht, ein kleines Festmahl anzurichten, um den dreifachen Sieg des teuren Kindes zu feiern. - Auch seitens der Ströbecker Gemeinde wartet noch auf die Sieger eine andere Belohnung, die darin besteht, dass den tapferen Streitern ein schönes Schachspiel geschenkt wird, welches die bei den Kindern so große Freude erzeugende Inschrift: "Zur Belohnung des Fleißes von der Gemeinde Ströbeck" trägt. Zuweilen kommt hierzu auch noch ein besonderes Geldgeschenk. - Dagegen finden wir an diesem Festtage auf der Seite der Besiegten auch einzelne, sehr traurige Gesichter und Tränen, die bei diesem Feste von denen vergossen werden, denen der Sieg durch das geübtere Spiel des Gegners entzogen ward, sind dabei nichts so sehr Seltenes. Wie manches der Kinder hat geglaubt, durch seine fortwährende Übung im edlen Schach sicherlich zu der Zahl der Gefeierten zu gehören, und nun sieht es plötzlich seine langgehegte Hoffnung in Trümmer zerfallen. Die Zeit ist die beste Trösterin. So erblicken wir denn auch viele von denen, die das vergangene Osterfest mit weinenden Augen an sich vorübergehen sahen, im nächsten Jahre wieder mit frischem Mute unter der Zahl der Kampflustigen.

Für denjenigen nun, welcher die von unseren Schachgesetzen abweichenden Regeln des Ströbecker Spieles kennen lernen möchte, dürften folgende Bemerkungen interessant sein:

1. Die bei uns gebräuchliche Rochade, sowohl nach der Damen- wie nach der Königsseite, findet in Ströbeck nicht statt.

2. Jeder Bauer darf dort stets nur ein Feld ziehen, während man im gewöhnlichen Schach die Erlaubnis hat, einen Bauer, wenn man ihn während des ganzen Spiels zum ersten Male zieht, gleich zwei Felder vorzurücken.

3. Sobald ein Bauer in der Offizierreihe des Feindes glücklich angekommen ist, darf er, so lange er auf diesem Platze steht, vom Feinde nicht geschlagen werden. Es wird nämlich ein solcher Bauer nicht sogleich in die gewünschte Figur umgetauscht, wie dies bei uns gebräuchlich ist, sondern er muss erst noch drei Rücksprünge machen, auch Freuden- oder Probesprünge genannt, die darin bestehen, dass er, wenn er z.B. der c Bauer ist, im ersten Rücksprunge von c8 nach c6, im zweiten von c6 nach c4 und im dritten von c4 nach c2 springen muss; dort glücklich angelangt - denn er kann vom Feinde während seiner drei Rücksprünge, sobald sich Gelegenheit bietet, geschlagen werden - darf er erst in die gewünschte Figur verwandelt werden. Noch ist dabei zu bemerken, dass es nicht notwendig ist, die drei Freudensprünge hintereinander zu tun, sondern steht es stets frei, ob man - je nachdem Vorteil daraus entspringt - die Sprünge in Pausen, oder schnell aufeinander folgend machen will. - Es ist also die Verwandlung eines Bauern in eine Dame, oder andere Figur bei den Ströbecker Schachspielern mit weit bedeutenderen Schwierigkeiten verknüpft, als dies bei uns der Bauer, wenn er in der Offizierreihe auch nicht, so doch jedenfalls während der drei Freudensprünge sehr leicht geschlagen werden kann, und somit häufig herrliche Hoffnungen auf die Wiedererlangung des schönsten und wirksamsten Offiziers durch einen vom Gegner fein ersonnenen Schlag zu Grabe getragen werden, während nach unsern Regeln wir uns nur anzustrengen haben, den Bauer in die feindliche Offizierreihe zu bringen, um dann einen bedeutenden Zuwachs unserer Streitkräfte zu erhalten.

4. Endlich weicht auch noch der Ströbecker von uns in der Aufstellung der Figuren vor Beginn des eigentlichen Spiels etwas ab. Es wird nämlich daselbst sogleich der d Bauer (nicht wie bei uns auf d2) auf d4, und hinter ihm auf das Feld d3 die Dame gestellt; ebenso bei den schwarzen Steinen, wo der d Bauer (nicht wie bei uns auf d7) auf das Feld d5, und hinter ihm auf d6 die Dame gestellt wird, indem man nämlich damit andeuten will, dass es die Dame ist, welche - ihrem Vorreiter folgend - als die tapferste Figur den Kampf eröffnet. Zugleich werden auch noch, ehe die Partie beginnt, von jedem Lager aus zwei Vorposten (der a und h Bauer) aufgestellt, welche anstatt auf a2, h2 und a7, h7, wie es bei uns gehalten wird, zu stehen, sich keck auf den Feldern a4, h4 und a5, h5 gegenüberstehen, um eben gleichsam als Vorposten, oder als an der Grenze des Lagers aufgestellte Wachen zu zeigen, wie weit ihr Lager sich ausdehnt. Zur noch deutlicheren Erkenntnis, welches in Ströbeck die Aufstellung der Schachtruppen vor Beginn der Partie ist, mag folgendes Bild dienen:

Aufstellung der Schachfiguren im Schachdorf Ströbeck
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Sobald die Aufstellung von beiden Seiten auf diese Weise formiert ist, beginnt der eigentliche Kampf. —

Dies sind die Gebräuche und Regeln des Schachspiels in Ströbeck, welche mir teils durch meinen einige Stunden dauernden Aufenthalt daselbst, teils auch durch Nachrichten mehrerer in Magdeburg lebender Ströbecker - besonders durch die Güte des Herrn H. Helmholz aus Ströbeck, der sich jetzt in Magdeburg aufhält - bekannt geworden sind. Ich übergebe diese von mir zusammengestellten Skizzen hiermit den geehrten Lesern, in der Hoffnung, dass gewiss manche unter ihnen sind, die sich - gleich mir - für dieses Dorf, welches von allen Örtern die meiste Zuneigung zu unserem werten Spiele zeigt, ja in dieser Beziehung fast einzig dasteht, lebhaft interessieren.

- Ende des Beitrags von Moritz Krüger -

 

1849 in der Juli Ausgabe der Berliner Schachzeitung erschien ab Seite 233 ein Beitrag von Otto von Oppen unter dem Titel Das Schachspiel in Ströbeck (Thüringen und der Harz, mit ihren Merkwürdigkeiten, Volkssagen und Legenden, 9. Heft, Nr. 36):

"Der Sage nach soll das Spiel unter dem Bischof Burkhard oder Bucko I. von Halberstadt (1040-1045), der an den Feldzügen Kaiser Heinrichs III. gegen die Wenden teilnahm, durch einen gefangenen Wendenfürsten, der in Ströbeck in einem Turme festgehalten wurde, dort hin gekommen sein. Der Turm wird noch gezeigt; und um die Einsamkeit seiner Haft zu mildern, habe er, - wird gesagt - seinen Wächtern das Schachspiel gelehrt."

"Die Ströbeck'schen Bauern spielen das Schach deshalb nach ihren eigenen Regeln, und mit einer Einfachheit und Würde, die über alle Neckereien, deren sich so viele Spieler schuldig machen, weit erhaben ist. Sie setzen die Ehre des Spiels nicht darin, ihren Gegner schachmatt zu schlagen, sondern ihn schachmatt zu ziehen. Denn das Schachspiel hört auf, ein bloßes Verstandesspiel zu sein und wird ein bloßes Glücksspiel, sobald man es nur darauf absieht, sich einander die Steine vom Brette zu schlagen. Das sogenannte Kapern, wo man, um dem Gegner drei Steine zu nehmen, zwei von seinen eigenen opfert, ist in Ströbeck außer allem Gebrauch. Kenner wissen, wie unangenehm es ist, wenn man nicht mit der vollen Kraft aller Steine spielen kann. Hat man aber einen mutwilligen Gegner, der selbst keinen gehörigen Plan entwirft, und es auch auf alle Weise zu verhindern sucht, dass sein Gegner keinen entwerfen soll —"

"Was für Deutsch!" ruft hier Bledow aus. Auch wir lassen es bei dieser Probe bewenden, welche so wenig für die Sprache als für die Kunst des Erzählers ein günstiges Zeugnis gibt, überdies aber der Wahrheit ermangelt. Bucko I. erfreut sich noch jetzt einer großen Popularität;
das Wiegenlied:
Bucko von Halberstadt
Bringe doch unseren Kinneken wat
, etc.

ist dort in aller Ammen Munde; er mag daher durch ein Qui pro quo (Personen-Verwechselung) in den Sagenkreis des Dorfes Ströbeck gekommen sein. Gustavus Selenus erwähnt des Schachspiels daselbst; Koch*) gedenkt der allerdings viel wahrscheinlicheren Sage, dass ein Domkapitular des Stiftes zu Halberstadt, der mit dem Bischofe zerfallen, sich nach Ströbeck zurückgezogen hatte, den Einwohnern das Schachspiel bekannt gemacht und dieselben, nachdem er selbst Bischof geworden, von manchen Abgaben frei gemacht habe. Jeder Bischof von Halberstadt aber wird im Munde des Volks bald zu Bucko I.

Jetzt kommt das Schachspiel in Ströbeck immer mehr in Verfall und wird schon wegen der abweichenden Regel ein ganz anderes Spiel als unser Schach. Ehe dasselbe nämlich beginnt, zieht jeder Spieler seine Turmbauern zwei Schritte, den Bauer der Königin zwei Schritte und stellt die Königin auf ihr drittes Feld; dies wird Aussatz genannt. Durch einen solchen Aussatz müssen die Kombinationen des Spiels sich wesentlich ändern, es ist aber nicht viel die Rede, und mit der gerühmten Großmut der Dorfbewohner verhält es sich so, dass jeder schlägt, wie er weiß und kann, sich aber wohl, wenn er matt geworden ist, darauf beruft, dass man nicht matt schlagen, sondern matt ziehen müsse. Darin liegt denn auch das Geheimnis, weshalb der Ströbecker seinen Sieger nie für seinen Meister erklärt. Der Erzähler der Legende von dem Wendenfürsten liefert den besten Beweis seiner Schach-Unschuld dadurch, dass er die volle Kraft der Steine im vollen Brette sucht und zu finden glaubt.

Bei dieser Gelegenheit erbitte ich mir die Erlaubnis, eine Anekdote aus meiner Jugendzeit zu erzählen. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts lebte in Berlin ein guter Schachspieler, David Hillel, ihm an Stärke ohngefähr gleich war ein anderer Meister, bekannt unter dem Namen des Lederhändlers. Beide sprachen immer von einander mit der höchsten Achtung, und Hillel sagte mit dem Ausdruck der innigsten Überzeugung: "Der Lederhändler ist ein großer Mann!" Die Kavallerieoffiziere aber, (zu ihnen gehörte mein Vater, dem H. Schachunterricht gab) behaupteten: David Hillel gehe, besonders des Abends immer mit hochgehobenem Stocke, um sich gegen einen möglichen Keulenschlag des anderen großen Mannes zu decken. Später besuchte der Schachmeister meinen Vater auf seinem Gute im Halberstädtischen, und wurde auch dort wegen seiner Furchtsamkeit oft geneckt. Er drückte nie ein Gewehr anders ab, als mit weggewandtem Gesicht; einmal feuerte er so unter ein Volk Hühner und es gab eine ganze Wolke von Federn, denn seine Flinte war voll Hühnerfedern geladen, damit er glauben möge, er habe getroffen. Ein andermal bat er um eine Fahrt nach dem etwa 3 Meilen entfernten Dorfe Ströbeck, denn wenn er die Bauern besiege, so werde ihm der Herzog von Braunschweig, sagte er, vielleicht den Titel eines Hofschachspielers oder dergleichen geben, und ein solcher Titel ihm in Berlin Vorteil bringen.

Wir fuhren ab. Ich war damals ein Knabe von 8 bis 10 Jahren. Vor Ströbeck angekommen, beauftragte mein Vater den Kutscher, auf mich zu achten, "wenn's etwas gäbe". David Hillel fragte ängstlich: was es denn geben solle? und mein Vater, der, wie wir sahen, den Scherz liebte, sagte sehr ernsthaft: der Schachruhm der Ströbecker sei dadurch entstanden und im Fortlauf der Zeit befestigt worden, dass jeder, der eine Partie gewinne, Prügel bekomme. Hillel erschrak, konnte aber nicht mehr zurück. Als die Partie begann, in der er einen Turm vorgab, wurde seine Angst dadurch vermehrt, dass alle Bauern auf die Seite ihres Spielers traten und der Ruf: "Gevatter mit Rat!" oft aus zehn Kehlen zu gleicher Zeit erscholl. Er verlor noch einen leichten Offizier. Nur der Zuspruch meines Vaters: "Alles sei ja nur ein Scherz gewesen, er habe gar nichts zu fürchten etc.," gab dem bedrängten Meister die verlorene Geistesgegenwart wieder, und er gewann doch noch das Spiel, verlor aber dagegen die Hoffnung auf einen Titel wegen solches Sieges, denn er hatte in der Tat, wie der weise Ritter von la Mancha, statt eines Heeres, eine - Hammelherde besiegt. So viel von Ströbeck.

*) Einleitung § 3 in der Note und § 19.

Otto von Oppen, Berliner Schachzeitung, 1849


1861 erschien in der Warschauer Zeitung, in der Ausgabe Nr. 67 vom 11. - 23. März folgender Beitrag unter dem Titel: Das Schachspiel in Ströbeck

"Das Schachspiel, das geistreichste und älteste aller Spiele, ist gewiss auch das auf dem Erdkreise am weitesten verbreitete Spiel, denn wo irgend die Zivilisation ihren Fuß hingesetzt hat, da gibt es auch Schachspieler, und bis zu welcher rätselhaften Fertigkeit es einzelne Personen in Europa und Amerika darin gebracht haben uns die Zeitungen schon oft erzählt. Alle großen Städte Europas haben daher ihre Schachklubs, in Deutschland, England und Frankreich findet man sie aber selbst in Städten mittlerer Größe. Seinen Ursprung betreffend deutet schon das Wort "Schach" auf seine orientalische und zwar arabische oder persische Abstammung, und da schon zu Harun al Raschids Zeiten das Spiel bekannt war, so ist mit diesem Zeitgenossen Carls des Großen (800 n. Chr.) auch sein hohes Alter erwiesen. Nach Deutschland und dem Westen Europas soll es durch die Kreuzzüge gekommen sein. Einer Sage nach soll es aber schon früher in Deutschland bekannt gewesen sein, und die Kreuzzüge haben daher vielleicht nur zu seiner Verallgemeinerung mitgewirkt. Ziemlich in der Mitte Deutschlands gibt es nämlich in der preußischen Provinz Sachsen, unfern Halberstadt, einen Flecken Ströbeck (Ströbke gesprochen), in welchem alle Bewohner vom reichsten bis zu ärmsten, Männer und Weiber Schach spielen, ja es ist selbst eine vom hohen Alter sanktionierte Sitte, dass bei Hochzeiten der Bräutigam sich die Braut erst erspielen muss. Als Gegner wird ihm nämlich vom Ortsvorstande jemand bestimmt, mit dem er auf der Ratsstube im Beisein von Zeugen zu spielen hat. Gewinnt er die Partie, so ist die Braut sein, verliert er sie, so muss er sie durch Geld, das dann verjubelt wird, erst einlösen. Zuvor darf er mit ihr nicht ein Lager teilen. Auch die beiden Gasthäuser führen das Schild "zum Schachbrett". Um aber die Liebe zu jener alten Sitte recht wach zu erhalten, spielen nach abgehaltenen jährlichen Schulexamen auch die Schulkinder nachmittags an diesem Tage miteinander Schach, und es werden an die 6 Bestspielenden dann Schachspiele als Prämien verteilt, wozu die preußische Regierung die Kosten bestreitet. Man findet daher in diesem Flecken auch in jedem Hause ein oder gar mehrere Schachspiele. Es wird auch eine besondere Chronik über das Schachspiel und die besten Schachspieler hier geführt, und sind die Bewohner stolz auf diese ihnen eigentümliche Sitte. Es geschah nämlich auch in frühern Zeiten oft, dass hohe Herrschaften als große Freunde des Schachspiels hierher kamen, um zu sehen, wie diese Männer in ihrer schlichten altniedersächsischen Bauerntracht nicht bloß den Pflug zu führen verstehen, sondern kaum vom Pferde gestiegen auch ihre Schachfiguren zu stellen wissen. So besuchte sie oft und spielte selbst mit ihnen der große Kurfürst von Brandenburg, Friedrich Wilhelm, der größte Schachspieler seiner Zeit, der das berühmte Werk über das Schachspiel, den "Gustav Selen" geschrieben hat. Er beschenkte sie auch mit einem großen, mit Silber ausgelegten schönen Schachbrett nebst silbernen Figuren. Das Schachbrett bewahren sie noch auf, doch die Figuren sind ihnen im 7jährigen Kriege gestohlen worden, und sollen sich jetzt in den Händen eines englischen reichen Lords befinden. Auch ein Graf Ernst von Stolberg-Wernigerode spielte dort oft und ebenso holte der Herzog Ludwig Rudolph von Braunschweig-Wolfenbüttel, Vater der unglücklichen Prinzess Christine, (Schwiegertochter von Peter dem Großen) einzelne jener Bauern oft nach seinem Schlosse Blankenburg, wo er und seine Gemahlin dann mit ihnen Schach spielten. Diese Besuche, womit man die Ströbecker in ihrem Flecken aufsucht, dauern auch noch bis auf den heutigen Tag fort, und namentlich sind es jetzt Mitglieder aus den Schachclubs größerer Städte, welche diese Bauern kennen lernen und mit ihnen einmal Schach spielen wollen. Ihr Spiel hat nämlich mehrere Eigentümlichkeiten, die sowohl im Auszuge (die Königin mit vorgeschobenem Bauer) als darin bestehen, dass nicht rochiert und nicht gekapert wird. Sie setzen ihre Ehre darin, ihren Gegner in der vollen Kraft seiner Gegenwehr matt zu stellen, und halten sich darin auch für nicht überwunden. "


 

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